Das Moselfränkische   
Bekanntlich bin ich - geboren und gebürtig (wenn jemand dies gerne differenzieren möchte, ist es bei mir trotzdem Jacke wie Hose; hier ein Danke an Angela für die Belehrung) - ein Kowelenzer Schängel, und bin profan auch hier und da als der Rheinländer bekannt.

In den letzten Jahren hat mich zunehmend der Dialekt meiner Heimatstadt, also meine eigentliche Muttersprache (ja, genau das habe ich in meinen ersten Lebensjahren gesprochen), interessiert. Hierüber gibt es von Hannelore Kraeber ein wunderbares Buch, das ich jedem Schängel und jedem in Koblenz zugezogenen Interessierten empfehlen kann:

Hannelore Kraeber 'Neues Wörterbuch der Koblenzer Mundart', 2. Auflage 1992, 

Fuck, Druck + Verlag, Koblenz, ISBN 3-9803142-2-7

Aber in welchen Zusammenhang gehört die Koblenzer Mundart?

Zunächst mal, am Ende der Römerzeit, finden wir in der Provinz Belgica I, welche das gesamte Gebiet um Mosel und Saar einnimmt, einen romanischen Sprachraum, bevölkert von keltischen Stämmen, besonders den Treverern an der Mosel. Gleichzeitig hatten sich hier viele Laeten angesiedelt, germanische Söldner in römischem Dienst. Der direkte Mittelrhein mit Koblenz (Confluentes) war rechtsrheinisch von den Tenkteren / Tubanten bewohnt. Im 4. Jahrhundert bildete sich aus verschiedenen germanischen Stämmen in Belgien, am Niederrhein und rechtsrheinisch des Mittelrheins der Stamm der Franken. Nach dem Zerfall des römischen Reiches übernahmen die Franken auch die linksrheinischen Gebiete, und unter Clodwig, ausgehend von der Provinz Belgica II, große Teil Galliens. Dennoch entwickelt sich ein Moselromanisch weiter, parallel zum Alt-Französischen. Trotz der Überlagerung durch fränkische Siedler und damit germanischer Sprache hielt sich nach Reinhold Kaiser ('Die Franken: Roms Erben und Wegbereiter Europas?') linksrheinisch eine romanisch-lateinische Sprachzone noch bis ins 8. Jahrhundert, an der Mosel sogar in einigen Sprachinseln noch bis ins 11. Jahrhundert. Kaiser verweist hier auf romanische Sprachreste z.B. im Wein- und Obstbau.

Spätestens mit dem Übergang vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen, und damit auch der zweiten deutschen Lautverschiebung ("p, t, k"), erfolgt die Überlagerung dieser romanischen Sprachinseln mit der deutschen Sprache, bei gleichzeitiger Übernahme vieler romanischer Reliktwörter. 
Die zweite Lautverschiebung dient uns heute noch zur Differenzierung der deutschen Mundarten; sie hat in den Niederdeutschen Mundarten gar nicht und in den Oberdeutschen Mundarten vollständig gegriffen, also die Verschiebung von 'dat' zu 'das' oder 'Perd' zu 'Pferd'. Zwischen dem Niederdeutschen und dem Oberdeutschen finden sich Dialekte, welche die zweite Lautverschiebung nur teilweise vollzogen haben: die mitteldeutschen Mundarten, zu denen neben den hier explizit erwähnten auch Thüringisch und Obersächsisch gehören.

Den Rhein entlang bauen sich die mittel-/rheinfränkischen Dialekttypen auf: das Rheinfränkische im Süden (ehemaliges Gebiet des Kurfürstentums Mainz) mit dem Pfälzischen, Rheinhessischen und Hessischen. Am Mittelrhein das Moselfränkische (ehemaliges Gebiet des Kurfürstentums Trier) mit dem Luxemburgischen, West- und Ostmoselfränkischen und dem Siegerländischen, und nördlich das Ripuarische (ehemaliges Gebiet des Kurfürstentums Köln), und eventuell das Niederrheinische. Letzteres hat fast nichts mehr von der zweiten Lautverschiebung mitbekommen, und gehört nach manchen Einteilungen bereits zum Niederfränkischen und damit zum Niederdeutschen. Ripuarisch und Moselfränkisch werden manchmal auch als Mittelfränkisch zusammengefasst und damit vom Rheinfränkischen abgehoben.

Die folgende Karte gibt die Einteilung der Dialekttypen und die Unterscheidungsmerkmale in Bezug auf die Lautverschiebung wieder:
 


 

Die mitteldeutschen Mundarten finden sich oberhalb der dicken Linie von Speyer nach Fulda, und unterhalb von Kassel über Düsseldorf nach Aachen (1 bzw. 1a).

Das Moselfränkische selbst verläuft von Luxemburg und Lothringen im Westen und Süden an der Mosel entlang, deckt dabei Teile des Hunsrücks und den größten Teil der Eifel ab, überquert den Mittelrhein und stößt im Osten durch den Westerwald bis ins Siegerland vor. Auch das Saarland spricht zum Teil Moselfränkisch. Zusätzlich gibt es noch eine Art internationale Enklave, nämlich in Siebenbürgen/ Rumänien. Der dort gesprochene deutsche Dialekt hat am meisten Ähnlichkeit mit dem Moselfränkischen.
 
 

Kennzeichnend für das Moselfränkische ist, dass

an und inlautendes /p/ zu /pf/ nicht verschoben wurde, wie im Ostmitteldeutschen (OMD):

/punt/ OMD /pfunt/ = HD (hochdeutsch) "Pfund"
/a pl/ OMD /apf l/ = HD "Apfel", 
auslautendes /t/ im Gegensatz zum Rheinfränkischen (RHFR) erhalten bleibt:
/dat/ RHFR /das/ = HD "das", 
auslautendes /p/ nach ursprünglich vorhandenem Konsonant gegenüber dem Ripuarischen (RIP) verschoben wurde:
/duraf/ RIP /dorp/ = HD "Dorf",            (duraf ist hier Südeifeler Mundart)
Eine Unterscheidung zwischen Ost- und Westmoselfränkisch scheint die Behandlung von /p/ im Auslaut nach einem Vokal zu sein:

/p/ im Auslaut nach Vokal im Westmoselfränkischen nicht verschoben wurde wie zum Beispiel im Ostmoselfränkischen (OMFR):

/op/ OMFR /of/ = HD "auf". 
Quelle: Bitburg Online (http://bitburg.rdts.de/1998/besuch/kundk/dialekt.htm) 

Interessant ist auch die von mir im Internet gefundene Aussage, dass"... fast alle moselfränkischen und ripuarischen Dialekte zu den Tonakzentsprachen ... " gehören. "Das heißt, dass durch die unterschiedliche Akzentuierung ein und desselben Lautes Bedeutungsunterscheidungen hervorgerufen werden können. ... Die  Unterscheidungsfunktion liegt linguistisch bezeichnet auf suprasegmentaler Ebene, d.h. bei verschiedenen Phonemen kann dieselbe Art der Akzentveränderung zu einer Bedeutungsdifferenzierung führen. Das Phänomen wird häufig als "Rheinische Akzentuierung" bezeichnet, volkstümlich auch "Rheinischer Singsang" genannt." (Gefunden bei Friedhelm Greis "Reiler Platt")

Von Nico Weber gibt es einen hervorragenden Vortrag mit dem Titel "Letzbuergisch und Englisch" von Dezember 1999, den ich hier zum Download ablege: LuE (.pdf 429k)

 

Für Anmerkungen und Kritik zu diesen Ausführungen bin ich jeder Zeit dankbar.

Aktuell sind die Themen 'Koblenzer Mundart' und 'Moselfränkische Dialekte' regelrecht en vogue. U.a. schreibt die gebürtige Koblenzerin Cathrin Heinrich eine Magisterarbeit zum Koblenzer Dialekt.

Von Hannelore Kraeber persönlich gab es im November 2001 per eMail Zuspruch zu dieser Seite, und ein Gedicht von Josefine Moos, welches ich hier wiedergebe. Es ist selbstverständlich die Koblenzer Mundart und bringt am Ende dieser recht theoretischen Seite noch etwas Praxis:

 

Die Mundart
 
Die Mundart es e Heimatgut
en Metgeft auss-em Elternhaus,
dodrenn en Schatz verborje ruht,
dä hellt mer en on get en aus.
Mer feehlt ierschd, wenn mer heimatfern
wie sehr mer an der Mundart hängt,
die teef en ihres Wesens Kern
ons wieen Modderarm omfängt.
 
Dood ons begleite lewenslang,
on ob mer och die Welt omschefft,
et get off Erde kaine Klang
dä su vertraut en-et Herz ons trefft.
Manch Körnche Weisheit läit dodrenn
on Ahnekult, ganz ohne Froch,
on manje Offschuluss kann ons genn,
aus ferner Zäit: 'Die Moddersproch!'
 
Mer soll se babbele freeh on spät
se net verleujene dommerweis,
en Sempel es - wie mer su sääd,
dä se net schwätzt met Lust on Fleiss.
Huhbainer hat et emmer genn,
die hann die Mundart net geschätzt.
Nach froch ich Äich:"Es dat dann scheen,
wenn Huhdäitsch met met Streife schwätzt?"
 
Die Sproch es jo e Wunderhorn,
dat Geltungswert em Lann geniesst,
die Moddersproch es jo där Born,
dodraus ons die Erkenntnis fliesst.
Wat soll mer vill noch driwwer soon?
mer soll se pfleje off et Best,
se trifft dä teefste Herzenston,
DROM HÄLT MER AN DER MUNDART FEST!

 

Last Update 10/September/2002

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